Artikel von Simon

Vom Cloud-Rap das Angedeutete, das Assoziative und das Nicht-zu-Ende-Erzählte trennen und im Wasserbad erhitzen. Darauf achten, dass der kochende Kitsch möglichst hoch spritzt. Schwelgerischen New-Romantic-Synthesizer-Sound fest verzwirbeln, in die catchy Textmasse tauchen und abkühlen lassen. Fertig sind Die Kerzen.

SIMON: „Guck mal, Robert, hier sind ‚some obscure tunes from Poland and forthcoming music from Astigmatic Records‘. Ein Track von Błoto ist auch dabei!“

ROBERT: „Geilo! Das wird mein Küchensoundtrack.“

Besonders gut hat uns der Szabadabadab-Track von Andrzej Zaucha und der Jazzrock-Kombo Dżamble gefallen: Opuść moje sny (Verlass meine Träume … komm heut endlich wirklich; ich will dich).

Natürlich haben wir sofort bei Wikipedia nachgeschlagen:

Zaucha was born and lived in Kraków. In his teens, he achieved nationwide success in canoeing. After school he became a typesetter. Zaucha never had any musical education […]

Heute auf den Tag genau vor 28 Jahren ist Andrzej Zaucha eines gewaltsamen Todes gestorben:

Zaucha was shot and killed in his home town Kraków at the age of 42, by French film director, Yves Goulais, along with Goulais’s ex-wife Zuzanna whom he suspected of having an affair with Zaucha.

Auf Englisch singen konnte Andrzej Zaucha auch:

Der Gitarrist im Rollkragenpulli ist übrigens Marek Bliziński. Und erneut hilft uns Wikipedia:

Bliziński was the first Polish world-class jazz guitarist. […] Disappointed with imperfect recordings, he used all his savings for instruments and his own recording studio. He started working with his fellow musicians for the Royal Viking lines. Between cruises, he worked on his next solo album.

Auch Bliziński wurde nicht älter als 42:

Hardly anybody knew about Bliziński’s illness. He underwent an operation for skin cancer in 1985, which seemed to be a success. He was strongly advised to avoid the sun. He went on another cruise in 1988. Many months spent on sea had a negative effect on him. He started losing moral support, fell into depression and became weaker and weaker. Two weeks before the end of a cruise near Jamaica, the doctor on board ordered his immediate return home. In a Warsaw hospital he was diagnosed with dangerous metastases of an advanced cancer. He died three months later in a hospital in Potocka street in Warsaw, six days before his 42nd birthday.

Rigmor, ein Quartett aus Aarhus, schreibt Texte im Geiste Michael Strunges (1958–1986).

Du står med regn i dine hænder
Og du drukner, hvis du ikke kommer ind
Kommer ind i mine varme stuer

Du klatrer rundt i dine træer hele dagen
Pas på, du ikke falder
Falder ned i mine arme

Der Versuch einer Übersetzung:

Du stehst mit Regen in deinen Händen
Und du ertrinkst, wenn du nicht hineinkommst
Hineinkommst in mein warmes Zimmer

Du kletterst den ganzen Tag in deinen Bäumen herum
Pass auf, dass du nicht fällst
Fällst in meine Arme

Jedes Jahr um das erste Mai-Wochenende herum ist im Kulturklubben vom SPOT Festival die Rede. Nur in diesem Jahr nicht. Dabei war ich da, in Aarhus. Und es war auch wieder gut. Allerdings blieben die großen Neuentdeckungen diesmal aus. Stattdessen überzeugten die Helden der Vorjahre, allen voran:

Ida Wenøe (hier mit Another Kind of Love vom Album The Things We Don’t Know Yet),

Liss (mit Reputation von der EP Second),

Off Bloom (mit Love To Hate It von der gleichnamigen EP)

und Farveblind (mit Jewels von der EP Boxes).

Auf dem Spring Break Festival gab es ein Wiedersehen mit EABS.

Die acht Musiker aus Wrocław haben Stücke aus ihrem neuen Album Slavic Spirits gespielt, das nächsten Monat beim Label Astigmatic erscheint. (Astigmatic ist der Titel des vielleicht wichtigsten Polnischen Jazz-Albums, aufgenommen 1965 vom Krzysztof Komeda Quintet.)

Die EABS-Mitglieder sind derart produktiv, dass es in zahlreichen Konstellationen Nebenprojekte gibt. Zum Beispiel das Duo Zima Stulecia bestehend aus dem Drummer Marcin Rak und dem Keyboarder Marek Pędziwiatr.

Besonders vielversprechend ist Błoto – wieder mit Marcin und Marek und ergänzt um die EABS-Kollegen Paweł Stachowiak am Bass sowie Olaf Węgier am Tenorsaxophon. (Błoto ist übrigens das polnische Wort für „Schlamm“. Kommt also nicht auf die Idee, bei YouTube „błoto“ einzugeben – es sei denn, Ihr steht auf Schlammcatchen.)

Auf dem Spring Break feierte Błoto seine Live-Premiere. Das Quartett spielt einen Jazz, der deutlich mehr up beat ist und vom Hip-Hop beeinflusst als die neue EABS-Platte.

Auf Błotos Facebook-Seite findet man ein 50-sekündiges Video – mehr gibt’s bisher nicht. Wir müssen uns also wohl oder übel bis Anfang nächsten Jahres gedulden. Dann nämlich soll Błotos Debutalbum erscheinen. Bis dahin können wir uns die Zeit zum Beispiel auf dem EABS-Konzert am 13. Juni in der Berliner Passionskirche vertreiben.

Es ist genau eine Redewendung, die ich in der Lage bin auf Polnisch aufzusagen: Niedaleko pada jabłko od jabłoni. Der Apfel fällt nicht weit vom Apfelbaum.

Der Apfelbaum ist in diesem Fall das polnische Jazz-Ensemble Tie Break, gegründet 1977.

In Tie Breaks aktueller Besetzung spielen die Brüder Marcin und Mateusz Pospieszalski.

Der Apfel sind ihre Söhne: Łukasz, Marek, Nikodem und Szczepan. Und weil sie nicht weit fallen, machen auch sie Musik. Jeder für sich – und seit kurzem auch gemeinsam als Santabarbara. In ihrer Wohnküche geht es trotz Meshuggah-T-Shirt recht beschaulich zu:

Wo im Video Marek ist, konnte ich nicht herausfinden. Am Wochenende auf dem Spring Break Festival stand (oder saß) er jedenfalls mit auf der Bühne. Und natürlich haben die vier Jungs dort mehr gespielt als nur diesen einen bislang veröffentlichten Track.

Falls sie auf mein Urteil gewartet haben sollten: Ja, könnt Ihr genau so auf Platte pressen! Los, ab ins Studio mit Euch!

[Nach Veröffentlichung dieses Artikels schrieb uns Santabarbara: Vielen Dank! Recently we play in trio, Marek is quite busy with other projects, however some day maybe he will join us.]

Sielska – sprich: schelska, deutsch: idyllisch – ist vielleicht nicht der passendste Ausdruck, um den Club zu beschreiben, den Robert und ich am Freitagabend betreten. Ein unsanierter Gründerzeitbau in Poznań. An der Decke ringen Stuck und Spinnenweben um die Vorherrschaft. Viereinhalb Meter tiefer wollen die Dielen mit Knarren in den Barlärm einstimmen. Doch jahrzehntelanges Ølen hat sie verstummen lassen. Irgendwie doch sielska!

Und Sielska ist dann auch der Name der Band, die hier gleich zum Tanz aufspielt. Musikalisch geht’s in Richtung … siel-Ska! Die Band selbst nennt ihre Musik „flexi pop“. Wenn es einen Zusammenhang zur gleichnamigen britischen Musikzeitschrift gibt, so verstehe ich ihn nicht … so wie ich überhaupt kaum etwas verstehe. Bis auf den Refrain:

Jutro nawet mnie nie poznasz.
Morgen wirst du mich nicht wiedererkennen.

Natürlich sind alle Reggae-Ska-Sachen live am besten. Immer. Also hier noch ein echter Live-Song:

Sollte das Quintett aus Poznań auf der Suche nach einem Namen sein, der auch im Deutschen funktioniert, mein Vorschlag: Arskadisch.

Im September 2016 schrieb ich über Lowlys Single Deer Eyes:

Die bandgewordene „hohe Erwartung“ (aus Aarhus!) mit einer neuen Single. Von Mal zu Mal werden Soffie Viemose und ihre Freunde besser. Wo soll das nur enden?

Zweieinhalb Jahre später: Mir fällt nichts Besseres ein, als mich selbst zu zitieren; Lowly haben ihr zweites Album veröffentlicht; und die Formkurve (ihre) zeigt weiterhin nach oben.

Aus dem Klangteppich jedes einzelnen Lowly-Songs hätten andere ein ganzes Album geknüpft. Das dänische Quintett aber hat genug Ideen, um nichts auszudünnen, und sind auf Hifalutin – so mein Eindruck – erneut eine Stufe komplexer geworden. Ihr könnt ja bei Gelegenheit den Test machen und das Album laut über Handylautsprecher im nachmittäglichen Berufsverkehr in der S-Bahn hören. Und anschließend ein zweites Mal zu Hause auf der Couch mit ordentlichen Kopfhörern – Ihr werdet so viel mehr hören.

Nach Elliphant endlich mal wieder HipHop aus Schweden im Kulturklubben.

Noch wissen wir wenig über Fatima Jelassi. Immerhin, wir haben dieses Lied: Inte Konsti. Was auch immer das heißt, es klingt vielversprechend.

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